Über Big Bacteria Bildserien
Hinweis zum Handel
Jede Serie wird in zwei separaten Editionssträngen produziert. Es gibt eine Portfolio-Edition (Edition von 5, die nur als komplettes Set verkauft wird) und eine Einzelbild-Edition (Edition von 25 pro Motiv, die individuell erworben werden können).
Inhaltliche Aspekte
„big bacteria“ ist ein Langzeit-Projekt von Sabine Kacunko (seit 2002), das Bakterien als Manifestationen sich ständig wandelnder und wahrnehmender lebendiger Materie inszeniert. Es dokumentiert mikrobiell induzierte Transformationsprozesse in den Bereichen Kunst und Kulturerbe, Gesundheit und Gesellschaft sowie in analogen und digitalen Ökosystemen. „big bacteria“ ist zugleich ein fortlaufendes, „lebendiges“ Kunstarchiv und ein eigenständiges Kunstwerk. Unter derselben, EU-weit patentierten Bezeichnung initiierte die Künstlerin 2014 zudem ein internationales Forschungsnetzwerk.
In früheren Projekten (Projekt p.o.l. art) „belebte“ die Künstlerin analoge Schwarz-Weiß-Negative durch bakterielle Besiedlung und dokumentierte den Zerfallsprozess mittels eines digitalen Bildgebungsverfahrens; dabei entstanden vielfältige, farbige mikroskopische Aufnahmen der pigmentbildenden Bakterien. In einer weiteren Phase wurden einige dieser Bilder auf jene großen architektonischen Flächen projiziert, denen sie ursprünglich entstammten – sie verließen das Kunstatelier und das wissenschaftliche Labor und gelangten in den öffentlichen Raum, um einen offenen Diskurs über Gesundheit und Kulturerbe anzustoßen (Projekt „bootschaft“); seitdem entstand und entsteht ein umfangreiches Bakterienarchiv als frei zugängliches, fortlaufendes Projekt, um die Einzigartigkeit des dargestellten Lebenszyklus des „nicht-austauschbaren“ Lebens – das zu „nicht- austauschbarer“ Kunst wird (und vielleicht auch umgekehrt) – zu hinterfragen und öffentlich zu diskutieren (Projekt big bacteria)
Mit ihrer Bilderserie zum Projekt „big bacteria“ thematisiert Sabine Kacunko eine Vielzahl von Aspekten:
– „Leben“ und seine Begrenzungen
– „Tod“ und dessen „Heilung“
– Verfall und Sanierung
– Materialität und Visualität
– „Belebtes“ und „Künstliches“
– Strukturalismus der Mikroskopie und Verschaltung von Prozessen
– Zusammenfügen (Stitching) und Sequenzierung
– „Citizen Science“ und „Weltgesundheit“
– Medizinische und Umweltmikrobiologie
– Nicht-austauschbares („non-fungible“) „Leben“ und ebensolche „Kunst“
– Archiv und Kuratierung
– Menschliche und nicht-menschliche „Autorschaft“
– Skalierbarkeit von „Bildern“ (im Sinne von „images“ und „pictures“)
Bakterien stehen in diesem Kontext
– für ursprüngliche, einzellige „lebendige Materie“
– für Diversität, Vielfalt und Allgegenwart
– als Modelle für Individuation, Handlungsfähigkeit (agency) und Selbstänlichkeit
– als Modelle für beobachtende und interpretierende Systeme
– als Modelle für die Erforschung des Menschen
– für Anwendungen in den Bereichen Natur, Kultur, Gesundheit und Kulturerbe
– für eine Organisationsform, die Prozesse, an denen sie beteiligt ist, interpretiert und verändert
Formale Aspekte
Die folgenden Anmerkungen beziehen sich auf bildtheoretisch-apparative und morphologische sowie materiell-mediale Konstanten in Bildserien von Sabine Kacunko.
1. Bildtheoretisch-apparative Konstanten
In ihren Untersuchungen zu transformativen (mikro-)biologischen Prozessen bedient sich die Künstlerin diverser bildgebenden Verfahren, die die Erkennung von betreffenden Strukturen oder Lebewesen in ihren Umgebungen ermöglichen dazu gehören: Lichtmikroskopie (Durchlichtmikroskopie, Auflichtmikroskopie, Hellfeld, Dunkelfeld, Phasenkontrast, Polarisation, Stereomikroskop und Fluoreszen), Elektronenmikroskopie (Rasterelektronenmikroskopie (REM / SEM) (Transmissionselektronenmikroskopie (TEM) und Rastersondenmikroskopie. Weil oft von der Künstlerin eingesetzt, seien hier diese drei Mikroskopiemethoden kurz erklärt:
a. Bei der Hellfeldmikroskopie präsentiert sich die Mikrobe durch Absorptionskontrast als absorbierende Fläche: Das Licht durchleuchtet das Präparat direkt von unten. Strukturen werden nur dann im Bild sichtbar, wenn sie einen Teil dieses Lichts absorbieren. Dies ist nötig, weil die meisten Mikroorganismen (wie Bakterien) zu großen Teilen aus Wasser bestehen und fast transparent sind, also liefern sie im lebenden, natürlichen Zustand kaum Kontrast. Um innere Zellstrukturen oder Zellwände voneinander abzugrenzen, sind chemische Präparationen und Färbungen (z. B. die Gram-Färbung) meist zwingend erforderlich. Das Bild wirkt in dieser Konstellation überwiegend flach, grafisch und zweidimensional. Die Mikrobe erscheint als dunkle oder farbige Silhouette vor einem dominierenden, hellen Hintergrund.
b. Bei der Dunkelfeldmikroskopie blockiert eine zentrale Blende im Kondensor das direkte Durchlicht. Die Probe wird ausschließlich von schräg einfallenden Lichtstrahlen in Form eines hohlen Lichtkegels getroffen. Der Streulichtkontrast bewirkt, dass die homogenen, durchlässigen Zellbereiche dunkel bleiben, während Kanten und feine Oberflächendetails – die im Hellfeld oft unsichtbar bleiben – stark hervortreten. Dadurch entfaltet das Bildergebnis eine hohe plastische und fast skulpturale Qualität. Die Mikrobe wirkt immateriell, selbstleuchtend und isoliert vor einem tiefschwarzen Hintergrund – eine Inszenierung, die oft an astronomische Aufnahmen erinnert.
c. Die Rasterelektronenmikroskopie (REM / engl. SEM) erzeugt eine ganz eigene visuelle Sprache, die sich stark von der klassischen Lichtmikroskopie unterscheidet. Ihre Wirkung lässt sich in strukturelle und ästhetische Effekte unterteilen: Die extreme Tiefenschärfe ist der markanteste strukturelle Effekt; im Gegensatz zum extrem flachen Fokus eines Lichtmikroskops bleibt beim REM fast das gesamte dreidimensionale Objekt scharf. Das REM tastet das Objekt mit einem Elektronenstrahl ab, was den Fokus auf Oberflächen-Topographie lenkt: Abgebildet wird nur die äußerste Grenzfläche (das Relief). Das Innere der Probe bleibt verborgen, wodurch die physische Textur (Risse, Poren, Härchen) radikal in den Vordergrund rückt – und alles in Nanometer-Auflösung.
Ästhetisch wirken die REM-Aufnahmen wie plastische, dreidimensionale Skulpturen oder monumentale Landschaften („Mikrolandschaften“). Da Elektronen keine Farbe besitzen, sind Originalaufnahmen immer schwarz-weiß. Dies lenkt den Fokus rein auf Form, Kontrast, Licht und Schatten (vergleichbar mit der analogen Schwarz-Weiß-Fotografie) und betont die geometrische Reinheit der Strukturen. Gleichzeitig wirken die Objekte monumental, fremdartig („surrealistisch“) und oft wie künstlich geschaffene, futuristische Kunstobjekte.
Durch nachträglich digitale Kolorierung der REM-Bilder können sie aber auch eine hyperreale, fast poppige oder psychedelische Ästhetik entfalten – welche die Künstlerin bisher allerdings nicht einsetzte. Sie nutzte bisher nur die Methode des Markerns: Es wird meist in der Licht- oder Fluoreszenzmikroskopie angewendet, dabei werden die biologischen Proben vor dem Mikroskopieren mit speziellen Farbstoffen oder fluoreszierenden Antikörpern chemisch markiert. Bestimmte Zellteile oder Proteine leuchten dann unter dem Mikroskop von selbst. Die Farbe entsteht hier also während der Aufnahme, nicht danach am Computer.
Die Künstlerin macht sich die Vielfalt und Faszinationskraft von mikroskopischen Bildern zunutze indem sie das Bild selbst und die Bildgebungsverfahren kritisch hinterfragt.
2. Morphologische Konstanten
In den Serien von Sabine Kacunko begegnet man alle morphologische Hauptformen von Bakterien – die kugeligen (Kokken), stäbchenförmigen (Bazilli), sowie auch komma- und spiralförmigen Strukturen. Darüber hinaus – und dies ist in der Wissenschaft die üblichere Klassifikationsmethode von Bakterien – kommen die Bakterien mit dickeren (Gram-positive) und dünneren Membranen (Gram-negative) vor – ein Umstand, der darauf hinweist, dass die Identifizierung und weitere Differenzierung von diesen ältesten Lebensformen oft mit dem Medium oder Milieu zusammenhängt, in dem sie “erscheinen”. Die Vielfalt im Erscheinungsbild mikrobiologischer Organismen in ihren ebenso vielseitigen Nährmedien wurde so zu einem praktisch unerschöpflichen künstlerischen Beschäftigungsfeld, das in diversen Bildserien von Sabine Kacunko sein besonders geeignetes Ausdrucksmittel findet.
Das Zusammenspiel zwischen dem optischen Erscheinungsbild mikrobiologischer Nährmedien und der Morphologie der darin kultivierten oder nur beobachteten mikrologischen Wesen macht die Künstlerin ebenfalls zum Thema. Das Medium entpuppt sich als morphologischer Akteur, denn präparative Medien verhalten sich nicht passiv. Chemische Fixierungen, Dehydrierungsprozesse (z. B. für die REM) oder Harzeinbettungen verändern das organische Material physisch (Schrumpfung, Membrankollaps). Die dokumentierte Form ist stets ein Hybrid aus biologischer Struktur und apparativem Eingriff.
3. Materiell-mediale Konstanten
In der Mikrobiologie gibt es eine Vielzahl an Nährmedien (oder Agar-Sorten), die Bakterien und Pilze anhand ihrer Eigenschaften anzüchten, selektieren oder voneinander unterscheiden:
a. angereicherte Medien und Universalmedien wie Blutagar (rot, matt und opak) oder Schokoladenagar (Schokoladenbraun und opak) oder Nähragar (Hellgelblich bis bernsteinfarben, klar und durchscheinend; erinnert optisch an helle, feste Gelatine);
b. Selektiv- und Differenzierungsmedien (Gram-negative Bakterien) wie MacConkey-Agar (rötlich-violett bis blassrosa und leicht durchscheinend), CLED-Agar (blassgrün bis blaugrün und leicht durchscheinend) und XLD-Agar (leuchtend rot und klar-durchscheinend);
c. Selektivmedien (Gram-positive Bakterien) wie Mannit-Salz-Agar (Chapman-Agar; rosa bis rötlich und transparent) und Columbia-CNA-Agar (optisch kaum von normalem Blutagar zu unterscheiden: kräftig rot und undurchsichtig, da auch er Schafblut enthält);
d. Spezialmedien für Pilze und Mykobakterien wie Sabouraud-Agar (SDA; blassgelblich, beige oder hell-bernsteinfarben und relativ hell) und Löwenstein-Jensen-Medium (Undurchsichtig und mintgrün bis blau-grün).
Die Künstlerin kombiniert in ihren Bildserien nicht nur die Morphologie der Bakterien und Pilzen mit dem vielfältigen Erscheinungsbild mikrobiologischer Nährmedien; sie lässt unterschiedlichste Materialproben oder Objekte, eigenen Atem, Speichel oder Blut in der Petrischale mit dem verfestigten Substrat verschmelzen, sie beobachtet die Phasen dieser Reaktionen, des Wachstums oder “Verfalls” und stellt dabei die künstlerischen Fragen, die nicht zuletzt die in Laboren tätigen Menschen ebenso wie das Kunstpublikum erstaunen oder inspirieren lassen. Die Kunst und das Experiment gehen ineinander über. Hinterfragt wird das Verhältnis von (instrumentaler) Messung und (menschlicher) Wahrnehmung sowie auch ihr (jeweiliger) Bezug auf den berühmten, Louis Pasteur oft zugeschriebenen Ausspruch: “Keim ist nichts, Milieu ist alles”. Und was, wenn Milieu und Keim eins und alles seien? (Das berühmte Zitat „Die Mikrobe ist nichts, das Milieu ist alles“ (häufig verkürzt zu „Der Keim ist nichts, Milieu ist alles“) stammt der Überlieferung nach gar nicht von Louis Pasteur selbst, sondern von seinem großen wissenschaftlichen Rivalen, dem französischen Arzt und Chemiker Antoine Béchamp.)
Zur Unterschreidung zwischen „Image“ und „Picture“
Die Unterscheidung zwischen „Image“ und „Picture“ (obwohl beides auf Deutsch oft nur mit „Bild“ übersetzt wird) ist für die Künstlerin von zentraler Bedeutung. Sie markiert den Unterschied zwischen einem Datensatz und einem Schauobjekt. Das Mikroskop generiert ein Image (einen maschinellen, unsichtbaren Datenraum der Probe). Sobald dieses Image jedoch durch Stitching finalisiert, eingefärbt und als fertiges visuelles Werk betrachtet, von der Künstlerin einer Serie zugeordnet oder als solches publiziert wird, entsteht daraus ein Picture (ein ästhetisch und kommunikativ wirksames Artefakt).
1. Das „Image“ (Das epistemische Bild / Das Konstrukt)
Ein Image ist in der Wissenschaft primär ein Datensatz, eine Matrix aus Informationen. Es ist nicht zwingend an einen physischen Träger gebunden und oft hochgradig abstrakt.
- In der Mikroskopie: Wenn ein Rasterelektronenmikroskop (REM) die Oberfläche einer Probe abtastet, nimmt es kein Foto auf. Es misst Elektronenströme und übersetzt diese in digitale Werte. Das Resultat ist ein Image.
- Stitching & Sequencing: Die Kacheln beim Stitching oder die Z-Stacks (Fokusschichten) sind Images. Sie bestehen aus reinen, manipulierbaren Datenkoordinaten (X/Y/Z). Ein Image kann berechnet, algorithmisch gefiltert, mit Falschfarben codiert und nahtlos vernäht werden (Image Processing).
- Der Begriff: Das Image ist das Werkzeug der Erkenntnis.
- Das „Picture“ (Das konkrete Artefakt / Das Abbild)
Ein Picture ist die konkrete, physische oder gerahmte Manifestation eines Images für das menschliche Auge. Es ist das Bild als Ding
- In der Praxis: Sobald Sie das berechnete Image (die gestitchte Bakterienkolonie) auf einem Monitor als abgeschlossenes visuelles Werk betrachten, es in ein PDF einbetten, als JPEG exportieren oder auf Fotopapier ausdrucken, wird es zu einem Picture.
- Die Bedeutung: Ein Picture hat einen Rand (eine Kadrage), eine Oberfläche und oft eine ästhetische oder repräsentative Absicht. Es ist der Versuch, die komplexen, unsichtbaren Daten des Images für den menschlichen Betrachter in eine verständliche, zweidimensionale Form zu übersetzen.